6/30/2017

Kritik üben

Vom studieren (lateinisch studere „[nach etwas] streben, sich [um etwas] bemühen“) 


Die Stimmung im Raum ist konzentriert und ruhig. Zehn Leute sitzen wortlos im Kreis und denken angestrengt nach. Es ist, als würde eine neue Erkenntnis unter der hohen Altbaudecke schweben und noch keiner hätte es geschafft, sie zu greifen. Den neuen Aspekt für alle gleichermaßen hörbar in Worte zu fassen und auf den Punkt zu bringen.
 
Es ist Ostersonntag und in der Hafenstraße 7 wird wieder diskutiert. Heute Abend geht es um die Demokratie. Diesem riesigen Thema, bei dem es so viel auseinander zu nehmen und zu besprechen gilt, kann man nur schwer an einem Abend beikommen. Deshalb diskutieren wir über das Unterthema "Wahlen" und die Kritiken daran, die gerade jetzt zu Zeiten von Brexit und Trump wie Pilze aus dem Boden schießen.

Für mich ist das, was in unserer Diskussionsrunde entsteht ein Konstrukt. Ein großes, unsichtbares Kunstwerk, über unseren Köpfen, an dem wir gemeinsam Arbeiten. Unser Ziel ist es, ungreifbare Wörter wie "Demokratie" oder "das Geldsystem" ein bisschen durchschaubarer werden zu lassen, bis wir das Gefühl haben, benennen zu können, um was es dabei geht. Wie viel Konzentration das erfordert, ist vielleicht von außen schwer zu verstehen. Auch wir haben einige Zeit gebraucht um zu lernen, so miteinander zu reden. Das "Geschwafel" einfach weg zu lassen, fokussiert zu bleiben und gemeinsam an einem Gedanken zu "arbeiten".
 
Schließlich wird das Schweigen im Raum von zaghaften Worten durchbrochen. Ein Gedanke, der noch so frisch ist, so neu und unbekannt, dass man ihn selbst noch nicht von allen Seiten betrachten konnte. Deshalb wird vorsichtig formuliert, mit Pausen und Sätzen, die noch unvollständig sind und nur darauf warten, gedanklich wieder aufgegriffen zu werden. Diskutieren bedeutet hier weniger Schlagabtausch, sondern viel eher immer wieder neu nach Worten zu suchen.
 

Was nun regelmäßig im kleinen Kreis in der "Hasi", dem besetzten Haus in der Hafenstraße 7 in Halle, stattfindet, ist eigentlich nur die informelle Fortführung eines Seminars des ersten Semesters im Studiengang Kultur- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg. Was sich unter dem Titel "Kulturpolitik" verbarg, stellte sich schnell als Diskussionsrunde zu Themen, die vielen von uns auf der Seele brennen, heraus. Mal war der Aufhänger ein Referat über das Handelsabkommen TTIP, an das sich schnell die Frage nach der Verteilung der Macht auf der Welt anschloss und die Frage wie und nach welchen Prioritäten das gesellschaftliche System ganz grundsätzlich funktioniert. Oder das Seminarthema nannte sich "Leitkultur" und uns beschäftigten Dinge wie: "Gibt es überhaupt so etwas wie eine Leitkultur? Und wenn nicht, in wessen Interesse liegt es dann, glaubhaft zu machen, es gäbe eine deutsche Leitkultur, deren Existenz gefährdet sei?"

"Kultur hilft uns, alles andere auszuhalten"

Dieser provokante Satz aus dem Seminar hatte sich noch lange in meinen Gehirnwindungen festgesetzt. Doch zufrieden stellten mich die wenigen und viel zu kurzen Gelegenheiten, auf diese Art ins Gespräch zu kommen noch lange nicht und so ging es wohl auch einigen Kommilitonen. Gegen Ende des Seminars hatten jedes Mal etliche Leute das Gefühl, den Raum nicht verlassen zu können, weil man doch gerade erst an der Oberfläche gekratzt hatte. So kam die Idee auf, das Seminar auf eigene Faust weiterzuführen, und den Dozenten konnten wir dazu gewinnen, uns dabei zu unterstützen.

Jetzt sitzen wir schon zum vierten Mal zusammen. Noch immer bereit, uns bestehende Strukturen und erdachte Lösungen für die Probleme unserer Gesellschaft anzuschauen und enttäuscht zu werden. Denn das wurden wir bis jetzt jedes Mal aufs Neue. Trotzdem will Niemand den Ostersonntag lieber beim Filmabend im Bett verbringen. Wir sind bereit, auf eine Lösung zu warten, immer mehr zu verstehen und schließlich selbst auf gute Gedanken zu kommen.
 
In der Runde rechts von mir sitzt Sarah auf einem kaputten Stuhl im Schneidersitz. Sie denkt nach und nagt dabei an ihrer Unterlippe. Wenn man sie fragt, warum sie unsere Diskussionsrunden wichtig findet, sagt sie Dinge wie: "Obwohl ich inmitten dieser Themen lebe, merke ich, dass Klärungsbedarf besteht. Ich finde es notwendig und wichtig, mir mehr grundlegende und tiefgehende Informationen und Zusammenhänge über die Politik und das System anzueignen. Mir ist in unseren Diskussionen die Komplexität der Gesellschaft, des politischen Systems und ihre Differenzen mehr bewusst geworden. Oft gehe ich mit einem deprimierten Gefühl nach Hause, aber ab und zu entwickeln sich Ideen, die erneut auf einen Austausch warten". Auch Luisa, die in Halle lebt und ebenfalls in Merseburg studiert, gibt bereitwillig Auskunft darüber, warum sie gerne hier ist. "Ich finde es wichtig, strukturiert zu lernen, wie man Kritik übt" sagt sie. "Viele Dinge, die ich in der Vergangenheit kritisiert habe sind durchaus kritikabel. Aber mir fällt auf, dass ich die Dinge oft nicht im Kern kritisiere, weil ich den Kern nicht verstanden habe. Das geht jetzt besser."
 
Draußen dämmert es bereits, doch das fällt keinem wirklich auf. Ein paar Tassen Tee und ein paar Flaschen Bier wurden inzwischen geleert. Und es werden wohl noch viele mehr werden, bis wir das Gefühl haben, nicht mehr nur an der Oberfläche zu kratzen, sondern ein paar wesentliche Dinge zu begreifen. Und wenn ich mich mitten in der Nacht auf den Weg nach Hause mache, dann bin ich glücklich. Denn um ehrlich zu sein, habe ich mir studieren genau so vorgestellt.

5/02/2016

Palermo



Ankunft

Noch ist es hell genug um beim Verlassen des Bahnhofs einen Blick auf das Verkehrschaos, den Müll und die heruntergekommenen Fassaden dieser Stadt zu werfen. Palermo ist die Geburtsstätte der Italienischen Mafia und ist auch Heute nicht frei von ihrem Einfluss. Mit unserer Ankunft in Palermo erwacht auch meine Neugierde darüber, wie sich der Einfluss der Mafia auf diese Stadt, Sizilien und schließlich ganz Italien auswirkt, wie sie organisiert ist und wie ihre Geschichte aussieht.

Was uns in den ersten Minuten und Stunden in Palermo auffällt, ist ein ungreifbares Gefühl, bei dem sich uns die Nackenhaare sträuben. Als wir an einem späteren Punkt unserer Reise einem Italiener von diesem Gefühl in Verbindung mit Palermo berichten, nickt dieser sofort wissend.

Palermo hat unsere Neugierde geweckt und wir machen uns auf den Weg zu einem Hostel, dessen Adresse wir aus dem Internet haben. Die Türen der Häuser entlang der Via Roma sind in große Holztore eingelassen und wirken wie Katzenklappen. Durch eine solche werden wir von einer Anwohnerin nach wiederholtem vergeblichen klingeln in das Hostelgebäude gelassen. Wir finden uns in dem leeren Eingangsbereich mit unbesetzter Rezeption wieder. Hier ist kein Mensch, weder ein Rezeptionist noch ein Gast. Wir versuchen es mit einem Anruf bei der Handynummer, die in großen Ziffern auf dem Eingangsschild geschrieben steht. "Das Hostel ist ausgebucht, wir haben keinen Platz mehr" sagt eine Männerstimme, legt auf und ich schüttle meinen verwirrten Kopf in der gähnenden Leere der Eingangshalle. Auch bei der zweiten Unterkunft bei der wir es versuchen ist zunächst Niemand anzutreffen. Mit Hilfe des Besitzers der angrenzenden Bar, gelingt es uns, die Hostelbesitzerin ausfindig zu machen. Von einer forschen Frau werden wir in dunkle, müffelige Räumlichkeiten geführt. Ich will nicht bleiben, deshalb gehen wir wieder. Auch bei der dritten Unterkunft die wir heraussuchen ist Niemand anzutreffen, allerdings verspricht uns ein freundlicher Mann am Telefon in 40 Minuten vor Ort zu sein und so verbringen wir die Abenddämmerung bis zur Dunkelheit in einem kleinen Park neben einer Statue. Je länger wir dort sitzen, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass mich die Statue des kleinen Mannes in brauner Kutte mit durchdringenden Augen anstarrt. Als unheimlicher Schutzpatron dieser Stadt wäre sie ganz passend.


Die Stadt

Auch am Anfang des nächsten Tages bleibt das seltsame Gefühl bestehen. Selbst unser Reiseführer behält sich eine Zeile für die einzigartige Stimmung Palermos vor: "Palermo ist eine Stadt des Verfalls und des Prunks. Sie ist reizvoll, vorausgesetzt man erträgt ihre rohe Energie, den irren Verkehr und das Chaos." (Lonely Planet ;)).

Den Tag über entdecken wir schöne Ecken und lassen uns Palermos Street Food schmecken. Besonders die Arancini (frittiere Reisbällchen) und Cannoli (kleine, mit Ricottacreme gefüllte Waffeln). Als wir durch die Straßen schlendern, werden wir nach Geld gefragt, wie es auf unserer Reise durch Italien schon unzählige Male vorgekommen ist. Dieses Mal ist es kein Obdachloser älterer Mann, sondern ein Mädchen in meinem Alter. Mit verzweifeltem Blick erzählt sie, dass sie ihr Portemonnaie verloren hat und nun Geld für ein Zugticket braucht. Wir schütteln beide fast schon instinktiv den Kopf. Braucht sie das Geld für Drogen? Als wir weiter laufen frage ich mich, ob es seine Berechtigung hat, derart misstrauisch zu sein. Was wäre, wenn ihre Geschichte stimmt und sie wirklich nur ein Zugticket braucht? Während ich weiter darüber nachdenke, bin ich mir plötzlich fast schon sicher einen Fehler gemacht zu haben. Vielleicht hätte ich ihr anbieten sollen mit ihr zum Bahnhof zu laufen und dort ein Ticket zu kaufen. Wenige Minuten später läuft das Mädchen an uns vorbei, biegt in eine Querstraße ein und ruft uns dabei freudig zu, dass sie das Geld nun zusammen hat.

Das Treiben Palermos hat mehr mit dem undurchsichtigen Gewimmel asiatischer Städte gemein, als mit dem organisierten Europa. In manchen Ecken der Stadt wird man sich des arabischen Einflusses bewusst, der vor allem in der Architektur sichtbar wird. Der Normannenpalast und die Kathedrale der Stadt wirken geradezu wie aus 1001 Nacht entsprungen.

Den Abend verbringen wir auf einem runden Platz mit einem beleuchteten Theater. Wir sitzen auf einer Bank und unterhalten uns, als plötzlich zu unserer Linken ein Mädchen ein paar Passanten anspricht. Es ist das selbe Mädchen, dem wir schon vorher begegnet sind, nun hat sie allerdings einen Roller-Helm über der Schulter hängen. Nachdem sie die Münzen eingesteckt hat, läuft sie Zielstrebig die Straße hinunter.



Abfahrt

Die zweite und letzte Nacht in Palermo sind wir die einzigen Gäste in unserem Hostel. Die nette Engländerin, die in der ersten Nacht mit uns dort wohnte, ist schon wieder auf der Weiterreise. Mit den zwei Badezimmern, der gemütlichen Küche und dem großen Schlafraum fühlt es sich nun wie ein großes Apartment an. Abends lassen wir einen Teil unserer Sachen einfach auf dem Küchentisch liegen. Auch das Geld für unseren Hostelaufenthalt deponieren wir dort um die Zahlung nicht zu vergessen. Weil wir Palermo am nächsten Morgen sehr früh mit dem Zug verlassen wollen, gehen wir früh schlafen. Meine Nacht ist unruhig und als ich spät Nachts die Toilette aufsuche, treffe ich auf dem Flur einen Mitarbeiter des Hostels. Auf italienisch versucht dieser sich mit mir zu unterhalten, stellt aber bald fest, dass mit mir auf dieser Sprache nicht viel anzufangen ist. Als wir am nächsten Morgen unsere 7 Sachen zusammen packen um Richtung Neapel aufzubrechen, sind 20 Euro vom Küchentisch verschwunden. Der Mitarbeiter des Hostels zuckt nur mit den Schultern und gibt uns in fließendem Italienisch und kargem Englisch zu verstehen, dass wir das Geld nicht auf dem Tisch hätten liegen lassen sollen. Bei mir hinterlässt der Vorfall ein komisches Gefühl und ein Fragezeichen.

Wir lassen Sizilien mit Zug und Fähre hinter uns. Palermo ist eine schöne Stadt, aufregend und ungreifbar. Zwei Tage mag wie bei allen Orten zu wenig sein, um sie zu begreifen und ihren Rhythmus zu verstehen. Wiederkommen, wiederkommen, wiederkommen.


4/25/2016

Mondspaziergang



Berglandschaft aus schwarzem Geröll so weit das Auge reicht. Im Zentrum zwei rauchende Krater. Es ist Frühling, aber hier weht ein kalter Wind und es liegt Schnee. Das könnte die Zukunft sein. Entweder haben wir unserem Planeten nämlich gehörig den Rest gegeben und das hier ist übrig geblieben, oder aber es ist nichts übrige geblieben und die Menschheit lebt nun auf dem Mond. Mondlandschaft stelle ich mir nämlich ungefähr so vor, surreale gebilde aus erkaltetem Stein und dieser Eiswind.

In der fast abenteuerlicheren Wirklichkeit spazieren wir aber gerade auf dem Ätna umher, einem der aktivsten Vulkane der Welt. Und der stößt zwar ordentlich Gas aus seinen Öffnungen (rauchende Vulkane gibt es nämlich nicht, hat mich ein Vulkanologe, den ich hier getroffen habe -wen man auf dem Mond halt so alles trifft- empört aufgeklärt) aber ausbrechen tut er, soweit wir das sehen können, nicht. Das ist schade, denn eigentlich wollten wir naiven Vulkantouristen glühende Lava sehen. Aber vielleicht ist es auch gut, angesichts all der schönen Dinge, die kaputt gehen könnten, würde sich dieser Berg in der richtigen Stimmung für ein bisschen action befinden,

Dem Ätna sind in seiner langjährigen Geschichte immer wieder ganze Orte zum Opfer gefallen und noch immer haben die Sizilianer ein waches Auge auf den launischen Herrscher der Insel. Wärend der Mondwanderung durch erkaltetes Vulkangestein denke ich deshalb, dass dieser Berg mit Vorsicht zu genießen ist. Und über "die richtige Perspektive" denke ich nach. Wenn man zu viel Zeit in großen Städten verbringt, könnte man nämlich auf den Gedanken kommen, das die Menschheit nach herzenslust betonniert und asphaltiert. Wenn aber der Ätna aus seinem Schlaf erwacht, hilft es nicht viel, eine schöne Mauer gebaut zu haben.


4/16/2016

Unterwegs sein ist unterwegs sein ist unterwegs sein




Keine Reise ist wie die andere. Niemals. Nie. Das liegt daran, dass man stets neues erlebt und anderes sieht. Außerdem gibt es  hunderte unterschiedlicher Arten unterwegs zu sein. Trampend, mit der Bahn, dem Flugzeug, ohne Geld, mit Geld, mit Freunden, allein.... Meistens plant man seine Reise um ein Land herum, dem der Trip gewidmet sein soll. Ich habe über die letzten Monate eine Reise ohne Ziel geplant. Wobei sich der Planungsaufwand auf ein prägnantes Schlagwort reduzierte: April. Im April wird es sein, zu zweit, ungefähr vier Wochen lang. Der Grund für diese unkonkrete Reiseplanung liegt entweder darin, dass ich mich schlecht entscheiden kann und mir alle Möglichkeiten offen halte so lange es geht, oder sie ist ein Indiz dafür, dass es um mehr eigentlich nicht geht. Unterwegs sein ist unterwegs sein ist unterwegs sein egal wo. Jedenfalls fast.

Wenige Tage vor Beginn wurde die Route mit der Buchung eines Interrail Tickets und einem Blick in den Atlas schließlich festgelegt. Berlin - Lyon - Florenz - Rom - Sizilien als Anhaltspunkte mit ständiger Option zur Änderung der Route. Deutschland und Frankreich wollen wir per Anhalter durchqueren, denn unser Interrail One Country Pass ist erst ab der Italienischen Grenze gültig. Bei unserer Abfahrt ist Deutschlands Luft zwar frühlingwarm, doch wir erhoffen uns von Italiens Süden einen Vorgeschmack auf den Sommer.

Es dauert bis zur Ländergrenze bei Freiburg, bis wir wirklich das Gefühl haben eine große Reise zu machen. Nicht zuletzt wegen den Verständigungsproblemen, die sich, kaum französischen Boden betreten, plötzlich auftun. An Tankstellen stotteren wir "Pu ve vu nus omne en direction dö Lyon" und ich finde es nicht zum ersten Mal sehr bedauerlich, nie französisch gelernt zu haben. Trotzdem werden wir mitgenommen und in Lyon verbringen wir schöne drei Tage bei einer guten Freundin. Die Stadt hat Berge, einen Fluss, eine schöne Altstadt und U-Bahnen die vollautomatisch fahren. Manchmal bin ich mit dem Kopf noch irgendwo in Deutschland und manchmal hilft dann ein Bissen französischer Käse mit Baguette.



Der Weg von Lyon nach Italien führt dann natürlich durch die Alpen. Die schneebedeckten Bergspitzen sind eine unglaublich gute Kulisse um sich in verschiedensten Autos und schließlich ein Stück mit dem Bus über Straßen und durch Tunnel zu winden. Zur Dämmerung kommen wir in dem kleinen Bergdörfchen Oulx unter. Ringsherum sind schneebedeckte Bergriesen. "Sie behüten das Dorf" sage ich. "Sie bedrohen das Dorf" sagt Helge.



Und dann und dann und dann fahren wir nach Florenz. 300 km/h mit dem Schnellzug. Da ist es schon Sommer. Ich mag die freundliche Stadt mit ihren vielen Plätzen, Kirchen, Palästen und dem Gewirr von Gassen, dass all das miteinander verbindet. Außerdem hat sich meine geheime Sammlung der schönsten Kirchen, die bis vor kurzem von der Sagrada Familia in der spanischen Hauptstadt dominiert wurde, um einen Punkt erweitert. Die Basilica Santa Croce. Abends machen wir Straßenmusik in den Gassen, die wirken, als würde das touristische Treiben bis zum Morgen andauern.



Nach zwei Tagen machen wir uns mit einem Abstecher zum Schiefen Turm von Pisa auf den Weg nach Rom. Wiederkommen soll man, heißt es, schon bevor man die Stadt erreicht hat. Denn zu sehen gibt es hier unendlich viel.



3/28/2016

Politisches Bauchgefühl

Politische Unwissenheit ist wahrscheinlich nichts Schlechtes. Man kann mit ihr spazieren gehen wie mit einem unausgereiften Gedanken der noch ein bisschen Inspiration braucht.

"DIE ERDE EIN LAND", Demonstration für Frieden, Kyritz 27.03.2016
 

Wenn man etwas an sich feststellt, von dem man denkt, es wäre nicht normal, kann man das einfach googlen. Und dann gibt es Menschen, die haben das auch. Die diskutieren darüber, schreiben Artikel, geben hilfreiche Tipps. „Knubbel am rechten Ohrläppchen“ zum Beispiel. Oder: „Unsicheres Gefühl in großen Menschenmengen“. Man weiß dann, dass man nicht alleine ist mit seinen Problemen und das ist doch eine gute Sache. Wie es war bevor es google gab, weiß ich nicht.

Ich verstehe Politik nicht. Politik und Geschichte. Jedenfalls nicht viel davon. Viele Dinge, die ich mal gewusst habe, vergesse ich wieder und weil ich andere Dinge, die ich weiß, nicht chronologisch einordnen kann, ergibt sich daraus ein lückenhaftes Chaos. Das ist mir manchmal unangenehm. Weil ich es immer noch nicht aufgegeben habe die Welt zu verstehen und mir manchmal einbilde, über diesen Weg könnte es funktionieren. Glücklicherweise habe ich aber eine Freundin, die Politikwissenschaften studiert und blöde Fragen vollkommen in Ordnung findet und mein Umfeld, das sich nach guten moralischen Werten richtet, mir Zeitungsartikel über TTIP in die Hand drückt und eine Zusammenfassung der Deutschen Grundgesetze in den Schrank neben dem Klo stellt. Und dann noch mein Bauchgefühl, dass mir Sachen sagt wie „Atomstrom isset nich“ oder „Menschen aus Syrien oder egalwo, die ihre Heimat verlassen müssen, weil bei ihnen zu Hause Krieg herrscht, sind ziemlich arm dran“. Oder auch mal: „Jeder Mensch sollte verdammt noch mal das tun können, was er liebt. Und Geld ist dabei eher hinderlich. Also lasst es uns abschaffen. Und wenn das zu kompliziert ist, dann eben das bedingungslose Grundeinkommen einführen!“. Und als mir auf meiner Australienreise immer bewusster wurde, was in diesem Land mit den Ureinwohnern passiert, wurde ich sehr wütend und versuche mich bis Heute an einem Text, der das zum Ausdruck bringt. Außerdem weigere ich mich konsequent, Gebühren für die Toilettenbenutzung an Raststätten zu zahlen und bilde mir ein, dass auch das eine Form von politischem Aktivismus ist. Zu diesem Thema würde ich ehrlich gesagt mal ganz gerne demonstrieren gehen.

Ich habe also ein ausgeprägtes politisches Bauchgefühl und eher weniger fundiertes Wissen. Bin ich damit alleine auf der Welt? Natürlich nicht. Genauso wenig wie mit Knubbeln am Ohrläppchen und unsicheren Gefühlen in großen Menschenmengen. Wenn man meine Problemstellung googled, findet man verzweifelte Einträge von Menschen die schreiben: „Ich habe keine Ahnung von Politik, wie soll ich in dieser Welt leben?“. Und zuversichtliche Antworten von Menschen die schreiben: „Da geht es dir wie vielen anderen. Aber deine Frage gibt Hoffnung“.

Politische Unwissenheit ist wahrscheinlich nichts Schlechtes. Man kann mit ihr spazieren gehen, wie mit einem unausgereiften Gedanken, der noch ein bisschen Inspiration braucht. Dann wartet man mit gespitzten Ohren und Bauchgefühl ab, was passiert. Wenn ich über etwas wenig weiß, versuche ich mir kein Urteil zu bilden. Manchmal stelle ich viele Fragen und oft komme ich mirdabei doof vor. Aber mit ein wenig Übung ist mir das nicht mehr unangenehm.

„Angela Merkel ist, was die Flüchtlingskriese angeht schon ziemlich mutig“ sagt meine Freundin.
„Ist sie das?“ Frage ich.

3/16/2016

Anna



Anna und ich treffen uns im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, laufen zusammen die Marienburger hoch und trinken einen Kaffee. Erst will ich sie einladen und habe dann nicht genug Geld dabei. Ich frage sie nach ihrem Berlin. Irgendeinem Ort der Stadt der für sie besonders ist. Wir fahren zum Velodrom, weil man da auf dem Dach so viel Himmel sieht. Das verstehe ich. Das ist wie Freiheit am Meer. Das hat was mit Weite zu tun und Unendlichkeit. Und oft stört es mich an Berlin, dass man zwischen zwei Häuserwänden meistens nur ein Viereck Himmel sieht. 

Ich habe Anna kennen gelernt, als sie mich fragte, ob ich Pipi Langstrumpf auf Gitarre spielen kann. Dann haben wir einige Zeit in einem Tipi am Feuer gesessen und geübt. D Em A G, vier Akkorde. Wenn ich jetzt an Anna denke fallen mir viele Lieder ein. Ein Kanon den sie mir beigebracht hat. Auf Waldspaziergängen singend, singend, singend. „Walzer für Niemand“ von Sophie Hunger im Duett mit Gitarrenbegleitung. Der Soundtrack des Films „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ von Bruno Coulais, weil ich manchmal frage: „Kannst du das bitte singen, das ist so schön!“

Manche Menschen sagen, wir wären uns in gewisser Hinsicht ähnlich. Vielleicht auch nur, weil ich auch ständig singe. Oder weil wir Beide so viel Quatsch erzählen.


2/27/2016

Zukunftsperspektiven

Ein zwischen den Zeilen ironischer Bericht über den Versuch ENDLICH seine Bestimmung zu finden. WARNUNG: Alle kursiv geschriebenen Absätze entsprechen nicht der Realität, sondern sind meiner Fantasie entsprungen.



Ich bin im letzten Jahr alleine nach Irland gereist, habe ein halbes Jahr in Australien gelebt, organisiere ein kleines Festival, habe auf einem Biohof gearbeitet und befinde mich am Ende eines journalistischen Praktikums. Ein Haufen interessanter Erfahrungen, könnte man sagen. Was all diese Dinge allerdings nicht fertiggebracht haben, ist, mir die Richtung meiner beruflichen Laufbahn zu deuten: Was um Gotteswillen soll ich studieren? (Weil man das ja offensichtlich so macht. Studieren. Nach der Schule. Und ich bin immerhin schon zwei Jahre im Verzug). Weiterhelfen und meine Perspektiven geraderücken soll nun eine Karriereberatung. Ein bisschen von unten Links (da wo die elterlichen Wurzeln liegen) geschoben, mache ich mich zusammen mit meinen Eltern auf, zum unverbindlichen Kennenlerngespräch. Ich laufe mal wieder mit, wie schon so viele Male zuvor. Weil man aber auch alleine so schlecht den Weg findet. Und ein bisschen Neugier regt sich in mir und ein bisschen Kopfschütteln. Warum ist das eigentlich so? Wer sagt uns wie unsere Zukunft läuft?

Als wir uns schließlich alle gegenübersitzen, kommt mir der Karriereberater vor wie ein alter Bekannter. Noch so ein Mensch, der mich nicht kennt, der aber eine Menge Vorschläge hat, was man mit mir in Zukunft anfangen könnte. Aber nagut, dafür bin ich schließlich auch hier. Im folgenden Gespräch wird mir vorsichtig die ein oder andere Option vorgeschlagen. Nur auf Verdacht natürlich, die wirkliche Karriereberatung ermittelt Stärken, Schwächen, Neigungen und Fähigkeiten anhand eines Testungsverfahrens.

(Gesprächsausschnitt)

"Lehrer?"
"Nein!"
"Aber sie können sich gut verkaufen.."
Dann ein vorsichtiger Einwand von mir:
""..mmh.. Journalismus interessiert mich.."
"Ouu, Ganz schlechte Berufschancen!"
Okay, war ja auch nur so eine Idee.

Und dann fühle ich mich wie bei einem Arztbesuch, wenn sich der Doktor nach Beschwerden und Leiden erkundigt: "Irgendwelche Interessen? Fähigkeiten?"
Nur das es in diesem Fall wahrscheinlich besser wäre auf die gestellten Fragen mit einem "Ja" und mindestens einer guten Antwort aufwarten zu können.

"Zukunft macht mir Angst" sage ich plötzlich trocken.
Das soll ihn warnen. Ihm verständlich machen, dass er sich hier in unsicherem Gebiet meines Verstandes bewegt. Leicht beeinflussbar, fein, zerbrechlich, ein bisschen verloren. 
Der Karriereberater schaut nicht auf, kritzelt einfach weiter auf seinem Blog herum. 

Ich versuche noch einmal zurück zu rudern. Dieser Mann soll mir helfen. Aber trotzdem kriege ich das Bild eines der grauen Herren aus Momo nicht aus dem Kopf, der da vor mir sitzt. 
"Zeit ist Geld" sagt er und verleiht seiner These mit einem zufriedenen Kopfnicken Nachdruck.

Worum geht es hier eigentlich? Am Konferenztisch mit 5 Leuten. Meinen Eltern, meinem Freund, dem Karriereberater und mir. Um mich? Um meine Zukunft als Gegenstand von Verhandlung?

Einige Tage trage ich die Erfahrung des Kennenlerngespräches mit dem Karriereberater noch mit mir herum. "Hast du schon einen Termin gemacht?" fragen meine Eltern. "Kannst du den Karriereberater leiden?" fragt meine beste Freundin. Schließlich greife ich zum Telefon und melde mich zur Testung an. Überzeugt hat mich eine Mischung aus "Mitnehmen kann man das ja mal" und "Hast du einen anderen Plan, wie du herausfindest, was du machen möchtest?" (Allerdings mit der offensichtlichen Überzeugung verbunden, dass ein baldiges Herausfinden meines Lebensweges unbedingt notwendig ist).

Einen Tag später poppt in der Inbox meines E-Mail Faches die Bestätigung des Termins auf. Ich lese: "Konkrete Entscheidungen stehen demnächst an. Zeit, dass Sie unser Motto für das Jahr 2016 vom römischen Philosophen Seneca kennenlernen, es lautet: Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zerrt es dahin."

[Fortsetzung folgt]